25.000 Punkte: Eine Zahl, die den Narrativ verändert
Der DAX durchbrach Anfang 2026 erstmals in seiner Geschichte die Marke von 25.000 Punkten — ein Meilenstein, der während der Energiekrise 2022 absurd geklungen hätte. Seitdem ist der Index in eine Spanne zurückgefallen, doch die zugrunde liegende Geschichte hat sich nicht verändert: Europäische Aktien werden strukturell neu bewertet, und die meisten US-zentrierten Portfolios haben das noch nicht vollständig registriert.
Ich habe Ende 2025 europäische Exposure über EWG (iShares MSCI Germany ETF) und VGK (Vanguard FTSE Europe ETF) aufgebaut und verfolge, wie sich die These in der ersten Jahreshälfte 2026 entfaltet — mit einer Mischung aus Überzeugung und Vorsicht.
Die Bewertungslücke ist das zentrale Argument
Das überzeugendste Argument für europäische Aktien ist der Preis. Der S&P 500 notiert im Mai 2026 nahe 22× des Forward-KGV — weit über dem historischen Durchschnitt von ~17,5×. Das Forward-KGV des STOXX Europe 600 liegt bei 15–16×, und Deutschlands DAX handelt für seine Großkapitalisierungskomponenten bei rund 14× des Forward-KGV. Das ist einer der weitesten Bewertungsabstände zwischen beiden Regionen seit 25 Jahren.
Etwa die Hälfte dieses Abschlags lässt sich durch die Branchenzusammensetzung erklären. Doch selbst nach Bereinigung verbleibt ein substanzieller absoluter Abschlag. Die 52-Wochen-Spanne von VGK erstreckte sich bis Anfang Mai 2026 von $73,52 bis $90,75, wobei der ETF nahe $88 handelte.
Der fiskalische Katalysator: Deutschlands €500-Milliarden-Infrastrukturwette
Die strukturelle Geschichte veränderte sich Anfang 2026 dramatisch, als Deutschland die Schuldenbremse de facto außer Kraft setzte und einen außerbudgetären Fonds von €500 Milliarden für Infrastruktur- und Klimainvestitionen ankündigte — begleitet von einer Erhöhung der Verteidigungsausgaben um mehr als 1% des BIP. Allein der Verteidigungshaushalt 2026 erreichte €83 Milliarden — ein Plus von 24% gegenüber dem Vorjahr und der höchste Stand seit 36 Jahren.
Eine Umfrage der Bank of America unter europäischen Fondsmanagern Anfang 2026 ergab, dass 74% eine Wachstumsbeschleunigung in Europa erwarteten, wobei 63% den deutschen Fiskalstimulus als primären Katalysator nannten. Der fiskalische Multiplikator konzentriert sich auf Verteidigungs- und Infrastrukturunternehmen: Rheinmetall, Thales, Leonardo, Airbus sind direkte Profiteure. Verteidigung und Luft- und Raumfahrt war der bestperformende Sektor im DAX in Q1 2026.
Goldman Sachs merkt an, dass die tatsächlichen Ausgaben hinter den Zielen zurückbleiben könnten. Aber selbst eine Teilumsetzung bewertet die Gewinnentwicklung europäischer Industrieunternehmen neu.
EUR/USD: Der Währungsrückenwind
EUR/USD bewegte sich in den 12 Monaten bis Mai 2026 in einer Spanne von 1,1453 bis 1,2019, mit einem Kurs nahe 1,1785 zum 11. Mai. Der Euro legte gegenüber dem Dollar um rund 6,3% zu.
Für einen US-Investor mit EUR-denominierten europäischen ETFs addiert sich diese Aufwertung direkt zur Gesamtrendite in Dollar. Euro-Stärke spiegelt Dollar-Schwäche wider, die durch fiskalische Bedenken, Zollunsicherheit und Kapitalabflüsse getrieben wird. Mein Basisszenario: EUR/USD bleibt bis Ende 2026 in der Spanne 1,15–1,22 gestützt.
PMI und Wachstum: Bescheiden, aber verbessernd
Die EZB revidierte ihre BIP-Prognose für die Eurozone 2026 auf 1,0% (von 1,3%). Der Eurozone Composite PMI lag im Februar 2026 bei 51,9, bevor er im April schwächelte. Inflation bei 1,9% HICP gibt der EZB Spielraum. Große deutsche Unternehmen erzielen 40%+ ihrer Umsätze international.
Das ETF-Werkzeugkasten: EWG, VGK, EWU
EWG — iShares MSCI Germany ETF: reine Deutschland-Exposure. Top-Holdings: SAP, Siemens, Allianz, Deutsche Telekom, Munich Re. Direkter Proxy für die These des deutschen Fiskalstimulus.
VGK — Vanguard FTSE Europe ETF: 1.200+ Unternehmen aus Large-, Mid- und Small-Cap. Kostenquote: 0,06%. Im Mai 2026 nahe $88 gegenüber einem 52-Wochen-Tief von $73,52.
EWU — iShares MSCI United Kingdom ETF: FTSE 100 Forward-KGV nahe 12–13× — noch steilerer Abschlag gegenüber US-Pendants.
Was die These brechen könnte
Zolleskalation im Handel: Deutsche Multis verdienen stark in Nordamerika — ein US-EU-Streit würde überproportional treffen. Energiepreisbeschleunigung: Brent über $95 komprimiert Industriemargen rasch. Umkehrung des Verteidigungs-Rallys: Ukraine-Friedensverhandlungen Anfang 2026 drehten europäische Verteidigungswerte bereits ins Minus. Umsetzungsrisiko: Die deutsche Bürokratie hat bei Kapitalinvestitionszielen historisch untergeliefert.
Meine Position und Ausblick
Die Bewertungslücke von 14× vs. 22× Forward-KGV kombiniert mit dem Fiskalstimuluszyklus, dem EUR-Rückenwind und der noch akkommodierenden EZB schafft ein ungewöhnlich qualitatives Umfeld. Mein Zielgewicht für europäische Aktien liegt bei 15–20% der Aktienexposure, aufgeteilt etwa 2/3 VGK und 1/3 EWG, mit einer kleineren EWU-Position für britischen Value.
Das erste Durchbrechen des DAX durch 25.000 war kein Lärm. Es war ein Signal.
— Ruslan Averin, averin.com
