Die Zahlen, die zählen
78 %. Das ist die Schlagrate der S&P-500-Unternehmen in der Q1-2026-Ergebnissaison — Unternehmen, die die Konsensschätzungen der Analysten übertrafen. Der langfristige Durchschnitt liegt bei etwa 73 %. Diese Saison war also besser als üblich, aber nicht außergewöhnlich. Was zählt, ist nicht die Schlagrate allein, sondern das Ausmaß der Überraschungen und die Sektorverteilung.
Das EPS des S&P 500 wuchs im Jahresvergleich um 9,4 %. Das ist solid. Nach dem schwierigen Jahr 2025, in dem Zinssorgen und Handelsunsicherheiten das Gewinnwachstum drückten, zeigt diese Zahl, dass sich die US-Unternehmensgewinne auf einem gesunden Erholungspfad befinden.
Wer gewann und wer verlor
Technologie: +18 % EPS-Wachstum im Jahresvergleich. Das war der stärkste Sektor der Saison. Hyperscaler-Capex, KI-Monetarisierung und stabiles Cloud-Wachstum trieben die Ergebnisse. Meine Positionen in diesem Sektor haben davon direkt profitiert.
Finanzwerte: +12 % EPS-Wachstum. Höhere Zinsen halfen den Nettozinsmargen, obwohl erste Zeichen von Kreditstress im Verbraucherbereich auftauchten. Die großen Banken schlugen die Schätzungen breit.
Energie: -8 % EPS. Rohölpreise unter Druck durch schwächere globale Nachfrageerwartungen. Meine Untergewichtung im Energiesektor war hier die richtige Entscheidung.
Gesundheit: +4 % EPS. Solide, aber unauffällig. Wenig Überraschungen in beide Richtungen.
Zyklische Konsumgüter: +6 % EPS. Besser als befürchtet, trotz anhaltender Inflationsbelastung beim Verbraucher.
S&P 500 bei 5.600 — wo stehen wir?
Zum Zeitpunkt dieser Auswertung steht der S&P 500 nahe 5.600. Das Forward-KGV liegt bei etwa 21x auf Basis der nächsten zwölf Monate. Das ist historisch teuer — über dem 20-Jahres-Durchschnitt von ~17x — aber nicht absurd, wenn man ein EPS-Wachstum von 10–12 % für das Gesamtjahr 2026 einkalkuliert.
Die Bewertungsfrage lautet nicht "ist der Markt teuer?", sondern "rechtfertigt das Gewinnwachstum den Preis?". Bei einem Zinsniveau von 4,25–4,50 % und einem 10-Jahres-Treasury nahe 4,3 % ist die Aktienrisikoprämie dünn. Das bedeutet: Es gibt wenig Spielraum für Enttäuschungen.
H2 2026: Drei Szenarien
Szenario 1 — Sanfte Landung (Wahrscheinlichkeit: 50 %): Die Fed senkt einmal im Dezember, Inflation bleibt bei ~3 %, EPS wächst 11 % für 2026. S&P 500 endet das Jahr bei 5.800–6.000. Mein Basis-Szenario.
Szenario 2 — Wiederbelebung (Wahrscheinlichkeit: 25 %): Stärkeres Gewinnwachstum, Fed senkt zweimal, Technologie führt weiter. S&P 500 bei 6.200+. In diesem Szenario wäre meine aktuelle Untergewichtung in Small Caps ein Fehler.
Szenario 3 — Stagflation-Schock (Wahrscheinlichkeit: 25 %): Inflation steigt wieder über 3,5 %, Fed kann nicht senken, Gewinnwachstum bricht auf +3–4 % ein. S&P 500 könnte auf 4.800–5.000 fallen. Deshalb halte ich Put-Spreads als Absicherung.
Meine drei Portfolio-Schritte nach der Ergebnissaison
Schritt 1: Ich habe meine Tech-Gewichtung leicht von 32 % auf 29 % reduziert. Nach einem Anstieg von 18 % in Q1 sind die Bewertungen in einigen Megacap-Tech-Namen gestreckt. Ich nehme Gewinne mit, reduziere aber nicht dramatisch.
Schritt 2: Ich habe Finanzwerte von 12 % auf 15 % erhöht. Die Kombination aus solidem EPS-Wachstum und günstigeren Bewertungen macht den Sektor attraktiv. JPMorgan und Bank of America bleiben Kernpositionen.
Schritt 3: Ich halte Cash bei 8 %. Die Ergebnissaison war gut, aber die makroökonomische Unsicherheit bleibt hoch. Das Zollthema mit China ist nicht gelöst, die Fed ist nicht bereit zu senken, und der US-Dollar schwächelt. Ich möchte Pulver für Rücksetzer trocken halten.
Was kommt als Nächstes
Die Q2-2026-Ergebnissaison beginnt Mitte Juli. Die Konsenserwartungen für EPS-Wachstum liegen bei +10,8 % im Jahresvergleich. Das ist machbar, aber setzt voraus, dass die Konsumausgaben robust bleiben und die Tarifrunde mit China keine neue Eskalation bringt.
Im Auge behalten werde ich den ISM-Dienstleistungsindex und die monatlichen Jobdaten. Wenn der Arbeitsmarkt unter 150.000 neue Stellen pro Monat fällt, ändert sich das makroökonomische Bild schnell.
Eine gute Ergebnissaison ist kein Signal, blind zu kaufen. Sie ist ein Datenpunkt. Ich halte mein Risiko diversifiziert, meine Absicherungen aktiv und meine Erwartungen realistisch.
